Ab ist der Mast

01.02.2019 – 06.02.2019

Jepp, in diesem Bericht geht sprichwörtlich um Mast- und Schotbruch.

Hatten wir schon mal erwähnt, dass wir Bonaire mögen?! Ja ja, ich weiß, haben wir. 🙂 Aber auch hier geht die Zeit vorüber und wir sind an der Planung unser nächsten Segelpassage dran. Es soll Richtung Panama gehen, denn wir wollen Mitte bzw. Ende Februar durch den Panamakanal in den Pazifik übersetzen. Zur Vorbereitung beobachten wir mithilfe der App Windy und diversen GRIB-Dateien das Wetter unserer voraussichtlichen Reiseroute. Vor Kolumbien an der Küste von Cartagena baut sich in regelmäßigen Abständen ein lokales Tiefdruckgebiet auf, dass viel Wind und heftige Dünung (starker Wellengang) mit sich bringt. Diesem Wetterphänomen gilt es zu entgehen. Zur Zeit ist die Wetterlage günstig. Sollten wir innerhalb der nächsten 3 Tage aufbrechen, segeln wir an diesem Gebiet vorbei, bevor sich laut Wettervorhersage das nächste Tiefdruckgebiet mit stärkeren Winden wieder aufbaut. Anderenfalls müssten wir mindestens 2 Wochen warten, bis sich die Lage eventuell erneut beruhigt hat. Auch war der Wind die letzten Tage schwach, das heisst die Wellen sind aktuell nicht sehr hoch.
Wir nutzen die Chance und machen unser Boot in den nächsten 2 Tagen klar zur Abfahrt. Das Schöne daran ist, wenn wir in Panama ankommen, warten schon die Crews der Serenity und der Olena auf uns, um mit uns zusammen durch den Kanal zu gehen. Das wird toll.

Am Nachmittag des zweiten Tages gehen wir zu Immigration und klarieren aus. Anscheinend sind wir nicht die einzigen, die das gute Wetter nutzen wollen. In den kleinen Raum der Behörde sind mit uns 6 Crews anwesend, die alle Bonaire in den folgenden 24 Stunden verlassen wollen.
Als die Sonne untergeht, treffen wir die letzten Vorbereitungen zum Ablegen. Wir setzen uns ins Cockpit, genießen den Sonnenuntergang und essen dazu eine Kleinigkeit. Alles ganz gechillt. Ein letztes Mal vor Abfahrt holen wir uns Wetterdaten, die Vorhersage zum Vormittag hat sich nicht geändert, sehr gut. Wir legen von der Boje ab und verlassen in Dunkelheit Bonaire in Nordwestlicher Richtung. Nachdem wir Kleinbonaire hinter uns gelassen haben und Kurs Richtung Westen nehmen, setzen wir die beiden Vorsegel Genua und Fock und stoppen die Maschine. Auf Grund der Landabdeckungen haben wir fast keine Wellen. Allerdings ist Bonaire so flach, dass die Windabdeckung nur gering ausgeprägt ist. Unter Segeln geht es in die Nacht.
Nach einiger Zeit, die Lichter von Curacao sind sichtbar, treffen wir auf die allgemeine Strömung, so dass wir nun knappe 2 Knoten mehr Fahrt über Grund machen, ohne das sich ansonsten etwas verändert hat.
Die folgenden 2 Tage passieren wir Curacao und Aruba. Das Wetter ist gut, Sonne, vereinzelt mal eine Wolke am Himmel und der Wind weht. Einfach gutes Segelwetter. Das merkt man auch daran, dass wir schneller vorankommen als geplant. Wir halten einen Schnitt von über 5 Knoten dank der Strömung, die uns schiebt. So könnte es bis Panama einfach weitergehen, aber nein, es kommt anders, leider.

Auf See ist das warme Essen einmal am Tag das Highlight. Wir sitzen beim Mittagessen. Es gibt Pellkartoffeln mit Kräuterjoghurt. Wir sind mit dem Essen fertig, wollen das Geschirr wegräumen, als ein dumpfer lauter Ton durchs Boot geht. Plopp. Ich schaue Andy an. Er blickt an mir vorbei durchs Fenster auf das Seitdendeck.
„Ich glaube, der Mast ist runtergekommen.“
„WAAS?!“
„Ich sehe das Lazyjack am Fenster.“
Wir rennen, naja klettern schnell, raus ins Cockpit. Und wirklich, eingekeilt zwischen Reling und Deckshaus liegt der Baum, eingerahmt von den roten Stofftasche (Lazyjack). Mein Blick wandert nach vorne zum Vorschiff. Wo ein paar Augenblicke vorher noch eine Genua bauchig im Wind stand und der Mast einen etwas die Sicht versperrte, ist – nix. Alles leer, freie Sicht bis zum Horizont. Der Mast selbst ist nach Steuerbord (rechts in Fahrrichtung) gekippt. Die Wanten (Stahlseile) sind, soweit ich das aus dem Cockpit sehen kann, über das Deck gespannt. Um mich herum kann ich einen wolkenlosen blauen Himmel sehen. Der Wind weht konstant. Was ist passiert?!
Ich gehe unter Deck, hole unsere Rettungswesten, damit wir auf Deck gehen können und uns das genauer ansehen können. Vorsichtig betreten wir das Deck. Die Wanten sind mit dem Boot verbunden, aber auf äußerste gespannt. Mir kommt die Assoziation aus einem Hollywoodfilm, indem ein Stahlseil sirrend reißt und wild um sich peitscht, um dann in der Tiefe des Meeres zu verschwinden. Also schnell drüber weg.

So sieht er also aus, einer der wahr gewordenen Alpträume eines jeden Segelers – der Mastbruch. Die Rollanlagen der Vorsegel sind auch mit dem Boot verbunden und an der Reling abgeknickt. Das Segel der Genua kann man unterhalb der Wasseroberfläche im Meer treiben sehen. Die Fock ist vollständig aufgewickelt auf der Rollanlage. Von ihr sieht man nix. Das Boot hat sich parallel zu den Wellen gedreht und nun schaukeln wir munter in den Wellen. Bei jeder Welle schlägt der Mast gegen den Rumpf. Klack, klack, klack… Was machen wir?! So kann es nicht bleiben, das steht fest. So stehen wir also auf Deck, beratschlagen mitten im nirgendwo, was wir tun könnten und was wir tun werden. Die Bergung von Teilen, die über Bord gegangen sind, ist ausgeschlossen. Das Sicherheitsrisiko für uns als Crew zu groß. Das Schlagen des Mast muss aufhören, denn es könnte ein Leck im Rumpf schlagen, oder hat es vielleicht schon?! Das wäre ultra-scheiße!
Ok, es gilt eine Entscheidung zu treffen. Wir beschließen, alle Seile und Wanten, die mit dem Boot verbunden sind, zu kappen und damit das komplette Rigg im Meer zu versenken. Das Rigg beinhaltet unter anderen den Mast, den Baum, die Vorsegel, die Wanten, die Seile und alles, was dazugehört.
Ich bahne mir meine Weg unter Deck und schaue an mehreren Stellen in die Bilge. Die tiefsten Punkte im Boot sind alle trocken. Das ist gut, der Rumpf ist also intakt. Ein Schwall der Erleichterung läuft mir über den Rücken. Andy ist zwischenzeitlich unter Deck gekommen und sucht die Flex heraus. Wir besitzen zwar einen Wantenschneider, sieht aus wie eine übergroße Baumschere, aber zum Trennen von insgesamt 12 Edelstahlseilen ist das Ding nicht geeignet. Man braucht zum einen relativ viel Kraft und es dauert eine kleine Weile. Alles Faktoren, die wir im Geschaukel der Wellen nicht gebrauchen können. Mit der Flex geht das schneller, Nachteil wir brauchen ein langes Verlängerungskabel, um an an alle Wanten ranzukommen. Während Andy mit der Flex in der Hand nach draußen ist, sehe ich nach dem Verlängerungskabel. Sitzpolster weg, Holzklappe hoch und der Stauraum unter dem Sitz liegt vor mir. Als ich die Hand ausstrecke, um nach dem Kabel zu greifen, sehe ich sie zittern. Ich ziehe sie zurück und strecke sie erneut nach vorne. Das Zittern hat nicht aufgehört. Auch wenn ich gefühlt keine Zeit habe, ich will Andy schnellstmöglich das Kabel durch die Decksluke nach oben auf Deck reichen, stelle ich mich aufrecht hin und atme tief durch. Bis dato war es mir bewusst nicht aufgefallen, aber ich stehe total unter Strom. Adrenalin im Überfluss würde ich sagen. Als ich mich wieder vorbeuge, hat das Zittern nachgelassen und mache mich daran, das Kabel rauszuholen, an den 220V Konverter anzuschließen und das Kabel durch die erste Deckenluke zu reichen.
Andys Sicht:
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„Nachdem mir Sandra das Verlängerungskabel gegeben hat, kann ich beginnen, die Stahlseile (Wanten)mit einem Winkelschleifer (Flex) zu trennen, was unter diesen Bedingungen nicht ohne ist. Man muss sich wirklich überlegen, in welcher Reihenfolge man was trennt. Zuerst schneide ich alle Elektrokabel und Schoten durch, dann kommen die Stahlseile dran. Und immer wenn Seil/ Kabel getrennt wird, welches unter Spannung steht, schlägt es in eine Richtung und das ganze Rigg rutscht weiter ins Meer. Also vorher gut nachdenken, alles eine Sache des Timings. Bei den Rollanlagen ist es wirklich knifflig, durch das Alu-Profil der Rollanlage kommt man mit der Trennscheibe des Winkelschleifers nicht durch. Bei dem Versuch fliegt mir eine Trennscheibe auseiander, zum Glück treffen mich die Fetzen nicht. Also Splinte am Beschlag abflexen und die Bolzen mit einem Hammer rausschlagen. Als alles getrennt ist, reisst der Grossbaum, der bei dem Sturz zwischen Deckshaus und Reling zum Liegen gekommen ist, bei einer Welle die Reling mit weg. Alurohre 30mm dick mit 5mm Wandung einfach weggerissen. Zurück bleibt eine grosse Lücke in der Reling und abgebrochene Rehlingsstützen ….
Erst als das Rigg versinkt, bemerke ich das ich im Stress vergessen habe, eine Schutzbrille zum Flexen aufzusetzen.
Die Bilge des Schiffes ist bis auf die Welle, die durch die offene Decksluke eingestiegen ist, weiterhin trocken. Die Decksluke war offen, da Sandra mir hier die Werkzeuge und das Stromkabel auf das Deck hochgegeben hat. Der Winkelschleifer hat zum Glück, trotz wiederholter Salzwasserdusche, durchgehalten. Mit unserem manuellen Wantenschneider wäre das unmöglich gewesen.
Bis dahin lief alles wie in einem Film. Es ist ein Problem auf getreten, dass sofort gelöst werden musste. Jetzt sortieren wir uns. Das Boot ist auf den ersten Blick dicht und schwimmt. Essen und Trinken ist für Wochen da, also besteht keine unmittelbare Lebensgefahr mehr. Pico rollt unerträglich in den Wellen, da Pico sich ohne Segel und Motor immer noch quer zur See stellt. Also checken wir, was rund um das Schiff noch im Wasser schwimmt oder hängt. Es muss sicher sein, dass die Schraube frei ist und keinen Fremdkörper in den Schraube gelangt.“
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Alles sieht gut aus und kann der Motor gestartet. Sonor springt er an und wir gehen auf einen Kurs, der erst einmal Ruhe ins Schiff bringt.

Fortsetzung folgt….

PS: Den Seemannsgruß „Mast- und Schotbruch“ wollen wir nicht mehr hören. Warum?! Liegt für uns auf der Hand.

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